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Ein zweiter Unfall gab ihm die Sprache zurück

Geschrieben von Richard Diethelm
13.12.2010
Nach einem Stromschlag verlor Marc Rueger die Sprache. Seit einem Sturz kann er wieder reden und setzt sich nun engagiert für Taubstumme ein.
Schreiner Hugo Marques blickt auf, als Marc Rueger die Holzwerkstatt der Stiftung Effata betritt. Er zeigt mit dem Finger auf seinen Mund und gibt einen undeutlichen Laut von sich. «Ich kann nicht sprechen», bedeutet die Geste. Rueger erklärt dem Schreiner in der Gebärdensprache für Gehörlose und auf Französisch, sein Besucher sei ein Journalist, der einen Artikel über ihn schreiben wolle. Der Freiburger ist seit April Leiter der Werkstätten für Taubstumme im Waadtländer Dorf Forel. Auf dem Weg zu seinem Büro sagt er: «Gleichzeitig sprechen und sich mit Handzeichen verständigen, ist anstrengend. Die beiden Sprachen habe eine andere Grammatik.»

Auch die Erinnerung war weg

Die Welt der Taubstummen war dem Sanitärinstallateur Rueger so fremd wie dem Grossteil der Bevölkerung. Bis am 17. September 2006. An jenem Sonntagmorgen sprang in seinem Haus die Wärmepumpe nicht an. Rueger öffnete das Schalttableau, um den Defekt zu beheben. Da zuckte ein Starkstromschlag durch seinen Körper und lähmte das Sprechzentrum in seinem Hirn.
Zwei Tage später erwachte er im Spital aus dem Koma und fand sich in der Welt nicht mehr zurecht. Rueger hatte nicht nur die Sprache verloren, sondern auch die Erinnerung an die letzten zehn Jahre seines Lebens. «Als meine Töchter an mein Spitalbett traten, erkannte ich sie nicht mehr», blendet er in die aufwühlende Zeit nach dem Unfall zurück. In seinem Gedächtnis waren nur Bilder gespeichert, wie die drei Töchter im Vorschulalter ausgesehen hatten. Inzwischen waren sie Teenager. Im Alltag der Familie kam es vor, dass seine Frau zu ihm sagte: «Erinnerst du dich denn nicht mehr an dieses Erlebnis?» Er schüttelte jeweils den Kopf.

Gebärdensprache als Befreiung

Sein Leben zwischen 30 und 40 musste er durch die Erzählungen anderer wie ein Puzzle rekonstruieren. Handnotizen und die Mimik waren die einzigen Mittel, um sich mit der Familie und den Freunden zu verständigen. Wie mühsam das bisweilen war, erfuhr Rueger bei einem Poulet-Essen zu Hause. «Mit fettigen Fingern konnte ich nicht aufschreiben, was ich sagen wollte», erinnert er sich an den Tag, an dem er den Vorsatz fasste, die Gebärdensprache der Taubstummen zu erlernen.
Den ersten Intensivunterricht in der Gebärdensprache empfand er als «Befreiung». Die Folgen des Unfalls hatten seine Ehe und die Beziehungen zu den Kindern belastet. Die alten Freunde wandten sich allmählich von ihm ab. Dank der Gebärdensprache gewann Rueger unter den Taubstummen neue Freunde. Er lernte ihre Herzlichkeit, ihren Humor, ihre Fingerfertigkeit und ihre Gabe kennen, die Welt einzig durch die Augen und nicht zusätzlich durch die Ohren zu erfahren.
Rueger machte aber auch Bekanntschaft mit den Vorurteilen und den Schikanen, denen Taubstumme in der Welt der Hörenden begegnen. «Es heisst, Taubstumme sonderten sich in der Gesellschaft ab. Das stimmt nicht! Sie haben nur Mühe, die Mauer aus Glas zu durchbrechen, die sie von den Hörenden trennt», redet er sich ins Feuer. Taubstumme liessen sich gut in die Gesellschaft integrieren, sofern die Hörenden die einfachsten Grundbegriffe der Gebärdensprache erlernen und beim Sprechen mit ihnen die Lippen auffällig bewegen würden.

«Du gehst mir auf den Geist»

Für Rueger soll die Stiftung Effata ein Beispiel abgeben, wie Gehörlose mit Hörenden gut zusammenarbeiten. Nachdem er deren Leitung übernommen hatte, krempelte er die Beschäftigung der Taubstummen in Forel um. Früher bündelten diese stumpfsinnig Tag für Tag Hölzchen zu Feueranzündern und falteten Beipackzettel für Medikamente. Heute werden in den Werkstätten Möbel restauriert, Mofas und Autos repariert, Leuchten montiert, Websites kreiert und Bücher gebunden. Rueger hat den Tatendrang eines 30-Jährigen und glaubt, den Grund dafür zu kennen: «Körperlich werde ich zwar bald 44 Jahre alt, aber geistig bin ich um den Lebensabschnitt jünger, der in meinem Gedächtnis fehlt.»
Als gelernter Bauzeichner, Maurer und Sanitärinstallateur brachte Rueger viel praktische Erfahrung für die neue Aufgabe mit. Das nötige sozialpädagogische Wissen eignet er sich in berufsbegleitenden Kursen an. Möglich ist dies nur, weil Rueger seine Sprache wiedergefunden hat. Durch einen Unfall. Vor einem Jahr lud ihn sein damaliger Arbeitgeber zu einem Fondue in die Dorfbeiz ein. In der fröhlichen Runde wurde gezecht. Nach dem «Weihnachtsessen» rutschte Rueger vor dem Bistro auf Glatteis aus. Er schlug mit dem Kopf hart auf dem Pflaster auf und verlor das Bewusstsein. Damit er wieder zu sich komme, gab ihm sein Chef mehrere Klapse auf beide Wangen. Rueger erwachte und sagte zum Chef: «Du gehst mir auf den Geist!»
Was beim Aufprall in seinem Hirn geschah, stellt er sich so vor: «Es ist wie bei einer Glühbirne, die vorher lose und ohne Strom in der Fassung steckte. Durch den mechanischen Schlag machte es Klick, und von da an floss wieder Strom in die Glühbirne.» Das Reden nach drei Jahren Stummheit bereitete Rueger anfänglich Mühe, aber drei Monate später sprach er wieder fliessend Französisch. Die wundersame Folge des Sturzes war sein grösstes Weihnachtsgeschenk. «Meine Töchter waren nach der für die Familie schwierigen Zeit sehr erleichtert», erinnert er sich.

Der Direktor ist einer von ihnen

Einige seiner taubstummen Freunde reagierten dagegen verzweifelt. Sie sandten ihm ein SMS mit einem grossen Fragezeichen: «Wirst du uns nun wieder verlassen?» Für Marc Rueger stand aber fest, dass er sich fortan der Sache der Taubstummen ganz hingeben würde. Das spürt der Besucher am Mittagstisch der Stiftung Effata. Rueger ist kein Direktor, der die zwei Dutzend Taubstummen wie Behinderte in einer geschützten Werkstatt behandelt. Zumindest bei der Arbeit ist er einer von ihnen. Ein Grenzgänger zwischen der Welt der Gehörlosen und derjenigen der Hörenden.[Bild und Text Quelle]
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