BZ-Serie Behindert in Weil: In öffentlichen Einrichtungen fehlen Gebärdendolmetscher / Missachtung treibt viele Schwerhörige in die Isolation. Helmut Pfeiffer liebt es, die Dinge überspitzt zu formulieren: “Warum haben Sie zu unserem Gespräch keinen Dolmetscher für Gebärdensprache mitgebracht?”, fragt er gleich nach der Begrüßung. Ich bin leicht irritiert, fasse mich aber gerade noch: “Weil ich weiß, dass ich mich trotz Ihrer Behinderung mit Ihnen unterhalten kann”, antworte ich und habe dabei die gesamte Dimension dieser provokativen Frage erfasst: Gehörlosigkeit ist eine Behinderung, die von der Umwelt nicht wahrgenommen wird.”Gehörlose haben keine Aufmerksamkeit, weil ihre Behinderung unsichtbar ist”, sagt Pfeiffer, dessen Eltern und Geschwister schon taub waren. Auch sein Sohn teilt dieses Schicksal. Er selbst wurde mit acht Jahren auf eine Spezialschule für Schwerhörige in Waldkirch geschickt und Dank eines besonderen Hörgeräts kann sich der Maschinenbautechniker heute verständigen.Der Gang durch die Stadt zeigt mir schnell, wie sich das Fehlen des Hörvermögens äußert. Ich halte mir die Ohren fest zu und nehme kaum noch Geräusche wahr. Der Lkw, der sich auf der Straße nähert, lässt zwar den Boden leicht vibrieren, wirklich hören kann ich ihn jedoch nicht. Ähnlich muss es dem Gehörlosen ergehen. Kein Hupen, keine Sirene wird wahrgenommen und erst recht nicht die von hinten geäußerte Bitte eines eiligen Passanten, ihn vorbeizulassen. Mit solchen Problemen haben Helmut Pfeiffer und seine Leidensgenossen längst gelernt umzugehen, nur ständige erhöhte Aufmerksamkeit garantiert ihnen das Überleben im Straßenverkehr .Es geht aber um mehr als nur ums blanke Überleben. “Es ist der Alltag, der uns das Leben so schwer macht”, berichtet der 53-Jährige und fügt hinzu: “Niemand in der Stadt kann sich mit Gehörlosen unterhalten, nirgends gibt es Gebärdendolmetscher.” Die Gebärdensprache ist seit dem Jahr 2000 eine anerkannte Sprache – die allerdings so gut wie niemand “spricht”. Die große Nachfrage nach einem solchen Kurs an der Weiler Volkshochschule zeugt aber von einem erheblichen Nachholbedarf.Den sieht Pfeiffer vor allem bei Behörden und öffentlichen Institutionen. “Weder bei der Stadt Weil am Rhein noch bei der Polizei gibt es Leute, die die Gebärdensprache beherrschen”, sagt er und fügt hinzu: “Am Bankschalter muss ich einen Zettel mit meinen Wünschen hinüberschieben. Dann glaubt der Kassierer, ich wolle ihn überfallen.”Dabei wäre es seiner Ansicht nach keine große Sache, wenn überall in öffentlichen Einrichtungen Mitarbeiter säßen, die für die Belange der Gehörlosen geschult sind. “Für Rollstuhlfahrer werden Rampen gebaut und Bordsteine abgesenkt, das kostet alles Geld. Da müssten doch auch Mittel für solche Schulungen vorhanden sein”, fordert Helmut Pfeiffer Gleichbehandlung. Eine Lobby haben die Gehörlosen offenbar nicht, nirgendwo seien sie in Behindertenbeiräten vertreten. Ein erster Schritt sei in Weil immerhin mit dem Treff für Menschen mit eingeschränktem Hörvermögen gemacht, der vom Behindertenbeirat ins Leben gerufen wurde.Während wir plaudernd durch die Hauptstraße gehen, spüre ich manchmal Blicke von Passanten. Aufgrund seiner Schwerhörigkeit redet mein Gesprächspartner etwas lauter – eine Tatsache, die viele Menschen nicht einschätzen können. Die Unsichtbarkeit der Behinderung führt zu Unsicherheit, und zwar auf beiden Seiten. “Der Schwerhörige oder Gehörlose wird nervös, weil er nicht weiß, ob er verstanden wird und die anderen Leute haben Angst, weil sie nicht wissen, wie sie reagieren sollen”, schildert Pfeiffer seine Alltagserfahrungen. In Geschäften wird er oft abweisend behandelt – so lange, bis er bekannt ist und eine Vertrauensbasis mit dem Personal besteht. Viele Schwerhörige verzweifeln an der Missachtung ihrer Person, ziehen sich zurück, vereinsamen. Das Internet kann diese Isolation noch verstärken, wenn es zum einzigen Kommunikationsmittel wird.Gehörlose profitieren aber auch von moderner Technologie. “Die SMS ist für uns eine ganz tolle Sache, weil wir damit überall und jederzeit kommunizieren können”, schwärmt der Maschinenbautechniker. Und dann gibt es noch ein ganz natürliches Hilfsmittel: den Zeigefinger. “Der ist unser wichtigster Körperteil, weil wir mit ihm zeigen können, was wir wollen”, sagt Pfeiffer. Und weil er weiß, dass nicht jeder die Gebärdensprache lernen kann, gibt er seinen hörenden Gesprächspartnern drei Tipps zur besseren Verständigung: immer in die Augen schauen, langsam und deutlich sprechen, und zwar in möglichst kurzen Sätzen. (Bild und Text Quelle)





