Home » Allgemein » Tübingen – Im Kinderhaus Loretto lernen Kinder die Gebärdensprache

Tübingen – 23.06.2011 – Zwei Stunden pro Woche singen und spielen die Loretto-Kinder mit einer Logopädin in Gebärdensprache. Der ungewöhnliche Unterricht bereichert die Kinder – und ermöglicht die Kommunikation mit zwei hörgeschädigten Mädchen.„Sich mit Gesten zu unterhalten ist für uns ganz normal geworden“, sagt Sonja Seifert, Leiterin des städtischen Kinderhauses Loretto in der Tübinger Südstadt. Seit Februar dieses Jahres lernen die Kinder im Alter von drei bis sechs Jahren die deutsche Gebärdensprache. „Wenn unsere Kinder jetzt auf der Straße gehörlose Menschen treffen würden, könnten sie sich mit Sicherheit schon ein Stück weit verständigen“, sagt Logopädin Carolin Falk, die sich die Gebärdensprache einst selbst beigebracht hat. Seit knapp einem halben Jahr kommt Falk jeden Donnerstag für ein bis zwei Stunden ins Kinderhaus und begleitet Spielen, Singen und Essen mit Gesten und Handzeichen.Anlass für die außergewöhnlichen Sprachstunden war die Aufnahme von zwei hörgeschädigten Mädchen in die Kindertagesstätte. „Von da an wünschten wir uns, alle Kinder für das Thema Gehörlosigkeit zu sensibilisieren“, sagt Seifert. Doch der Wunsch der Inklusion war nicht der einzig ausschlaggebende: „Wir wollten nicht nur die beiden Mädchen mit dem Hörgerät integrieren, sondern dafür sorgen, dass die Kommunikation mit Gesten und Zeichen genau so normal wird, wie die über die Lautsprache“, sagt die Kinderhausleiterin. So haben die Drei- bis Sechs-jährigen zum Beispiel nach einem Berufserkundungs-Besuch bei Bäcker, Feuerwehrmann und Co. gleich die Gesten für die Berufe in Gebärdensprache mitgelernt. Auch die morgendliche Begrüßung ist im Kinderhaus Loretto zweisprachig. „Inzwischen fragen die Kinder ganz unvermittelt nach den Gebärdensprache-Zeichen für Dinge die ihnen im Alltag begegnen“, sagt Seifert.Dass man sich über Gesten verständigen kann, ist für Kinder nichts Ungewöhnliches: sie kennen das von Singspielen und Pantomime. „Kinder lernen Gebärdensprache fast instinktiv“, sagt Logopädin Falk. Die positiven Nebeneffekte der Gesten sind erwiesen: „Wer als Kind Gebärdensprache lernt, tut sich auch leichter, Laute zu bilden“, sagt Falk. Auch Sonja Seifert beobachtet, dass die Kinder viel aufmerksamer geworden sind. „Sie haben gelernt, den Gesprächspartner genau zu beobachten und mit anderen Augen zu sehen“, sagt sie. „Kleine Augenmenschen“ sind sie geworden, sagt Logopädin Falk.Das finden offensichtlich auch die Eltern der Loretto-Kinder gut, die das Projekt mit ihren Spenden erst ermöglichten. Rund 40 Euro für eine Stunde ist den Eltern der Zusatzeffekt wert. „Viele Eltern erzählen, dass ihre Kinder zu Hause stolz die neu gelernten Gesten zeigen“, sagt Seifert. Bis zu den Sommerferien läuft der Unterricht in der Gebärdensprache noch – in welcher Form das Projekt fortgesetzt wird, ist noch unklar. Die Erzieherinnen und Erzieher wollen die Gebärdensprache aber auch weiterhin aktiv verwenden. Logopädin Falk vermittelt ihnen darum schon jetzt wichtige Grundlagen und gibt Anregungen, wie sie die Sprache weiter spielerisch in den Kinderhaus-Alltag einbauen können.Die Gesten für Guten Morgen sind übrigens zweierlei: Zuerst formen Daumen und Zeigefinger das Spitze-Zeichen. Anschließend fahren die Arme von der Körpermitte nach Außen bildlich den Bogen der aufgehenden Sonne nach. (Bild und Text Quelle)