Lugwigsburg - 16. August 2011 – Eine flehend dreinblickende Frau, ein Klemmbrett mit Spendenbekundungen, ein Taubstummenverein: Damit wird an die Hilfsbereitschaft der Passanten in der Ludwigsburger Innenstadt appelliert. Doch dahinter stecken keine hilfsbedürftigen Taubstummen, sondern Betrüger.
Gerhard Föll will in der Ludwigsburger Innenstadt einkaufen. In der Körnerstraße an der Ecke Wilhelmgalerie kommt eine etwa 30 Jahre alte Frau zielstrebig auf ihn zu und hält ihm ein Klemmbrett entgegen. Gestikulierend macht sie ihm klar: Sie kann nicht sprechen und sammelt Spenden für einen Taubstummenverein. Gerhard Föll ist ein hilfsbereiter, mitfühlender Mensch. Doch damit ist der 69-Jährige schon mal Opfer von Betrügern geworden. Inzwischen ist er nicht nur hilfsbereit und mitfühlend, sondern vor allem misstrauisch. Er verlangt einen Ausweis. Doch die Frau gibt vor, ihn nicht zu verstehen. Föll sieht, dass in der Spendenliste bereits hohe Beträge eingetragen sind, er wittert falsches Spiel. Mit einem Stift schreibt er in großen Lettern Betrug auf die Spendenliste. Als die Frau das sieht, schnappt sie sich das Klemmbrett und läuft davon. Gerhard Föll ist auch niemand, der schnell locker lässt. Er geht der Frau nach und entdeckt, wie die angeblich taubstumme Frau auf dem Weg zum Marktplatz munter mit einer anderen plaudert.Daniela Waldenmaier kennt die Taubstummen-Masche ganz genau. Mit einer Sammlung für Behinderte, teilweise auch für Waisenhäuser im Ausland, wird an die Barmherzigkeit der Passanten appelliert. Es sind Fälle aus der Innenstadt bekannt, aber auch von den Parkplätzen bei Ikea oder dem Breuningerland.„Natürlich ist das alles erlogen“, sagt die Sprecherin der Ludwigsburger Polizei. „Die Täter sind meist Rumänen, die reisend unterwegs sind“, so Waldenmaier. Doch diese Art des Betrugs landet nur selten bei der Polizei. „Schließlich gehen die Leute im Glauben nach Hause, etwas Gutes getan zu haben.“Weil die Fälle immer in Wellen auftreten, geht man bei der Polizei von sogenannten reisenden Tätergruppen aus. Auch in Ludwigsburg und Umgebung treten bestimmte Maschen mal zuhauf auf und dann wieder gar nicht. „Das sind immer Hinweise auf reisende Tätergruppen“, so Daniela Waldenmaier. Die Taubstummen-Masche ist ein landesweites Phänomen. „Es wird spekuliert, ob diese Masche im süddeutschen Raum verstärkt auftritt“, so Waldenmaier. Die Frauen mit den Klemmbrettern sind nicht nur in Ludwigsburg, sondern im gesamten Landkreis unterwegs. „Es ist nicht ausgeschlossen, dass die gleichen Leute sich am nächsten Tag mit einem anderen Trick auf den Weg machen“, so die Polizeisprecherin.Die Zahl der Tricks und Maschen ist vielfältig. Zurzeit sind in Ludwigsburg und Umgebung vermehrt Trickdiebe mit dem Zwei-Euro-Wechseltrick unterwegs. So wurde in dieser Woche ein 86 Jahre alter Mann von einem Trickdieb angesprochen und gebeten, ihm eine Zwei-Euro-Münze zum Telefonieren zu wechseln. Diese besondere Form des Taschendiebstahls findet meist auf Parkplätzen, vor Supermärkten oder vor Münztelefonen statt. „Die Täter sind meist sehr gut gekleidete, gepflegte Erscheinungen. Sie sind äußerst fingergewandt und schauspielerisch begabt“, warnt Daniela Waldenmaier. Während der arglose und hilfsbereite Passant im Münzfach nach dem passenden Wechselgeld sucht, ziehen die Taschendiebe einen Schein aus dem anderen Fach. Der Diebstahl fällt den Passanten meist erst viel später auf. „Dieser Masche fallen oft ältere Menschen zum Opfer“, so Daniela Waldenmaier.„Haus abgebrannt. Frau und Kinder haben nichts zu Essen“ – steht auf dem Schild, das ein Mann in Besigheim herumzeigt. Der Rumäne zeigt den Leuten seinen Pass, zwei Männer haben Mitleid, geben fünf Euro.Die unterschiedlichen Maschen haben eine Gemeinsamkeit: Die Hilfsbereitschaft der Menschen wird ausgenutzt. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Polizei die Betrüger oder Dieb überführt, ist eher gering. „Oft scheuen sich die Opfer, die Polizei zu informieren, weil sie sich schämen“, berichtet Daniela Waldenmaier. Es gibt unzählige Tricks und Variationen – und die Täter sind erstens schwer zu erwischen und zweitens schwer zu überführen. Und sie machen auch vor der Haustüre nicht Halt. Kürzlich klingelte in Gerlingen ein falscher Polizist an der Türe einer 90-Jährigen. Unter dem Vorwand, in einer Einbruchsache zu ermitteln, stahl er ihren Schmuck. Andere Täter appellieren auch an der Wohnungstüre an die Hilfsbereitschaft der – meist älteren – Bewohner. Sie bitten um ein Glas Wasser oder ein Kuvert, damit sie etwas für die Nachbarin hinterlassen können. Während der freundliche Bewohner das Gewünschte holt, stiehlt der Täter Schmuck, Bargeld oder andere Wertsachen.Doch es gibt auch Tricks, mit denen nicht Hilfsbereitschaft und Mitgefühl gefordert werden, sondern die Täter selbst ihren Opfern freundliche Hilfe anbieten, zum Beispiel beim Tragen der schweren Einkaufstaschen. Schnellen Schrittes eilen die emsigen Helfer davon und stellen die Einkäufe schon mal vor die Haustüre. Erst später stellt das Opfer fest, dass das Portemonnaie verschwunden ist.Generell gilt: „Gelegenheit macht Diebe“, so fasst es Daniela Waldenmaier zusammen. Zwar werden oft ältere Menschen zu Opfern solcher Trickbetrüger und Diebe – aber nicht ausschließlich. Eine gesunde Portion Misstrauen ist gefragt.Das gilt auch für angebliche Wunderheilerinnen, Handleserinnen und Wahrsagerinnen, die vorzugsweise Passantinnen ihre Dienste anbieten – und dann wilde Flüche aussprechen, wenn nicht genug Bares in ihren Händen landet. Im vergangenen Jahr war eine gutgläubige Ludwigsburgerin zwei Wunderheilerinnen aufgesessen – und hatte sie mit 1200 Euro entlohnt. (Bild und Text Quelle)





