26.06.2009
DIE GEHÖRLOSE AUSZUBILDENDE TANJA DUMENDIAK ARBEITET BEIM MÖSSINGER ARCHITEKTURBÜRO MEHL
Tanja Dumendiak ist 22 Jahre alt, hör- und sprachbehindert – und steckt mitten in der Ausbildung zur Bauzeichnerin im Mössinger Architekturbüro Mehl. „Ich wollte in einem ganz normalen Betrieb lernen“, sagt sie: Um später wirklich mit beiden Beinen im Beruf stehen zu können.
Mössingen – Tanja Dumendiak kann trotz Hörschädigung sprechen – nach einer Phase des Einhörens für den Zuhörer durchaus verständlich. Das erleichtere die Kommunikation am Arbeitsplatz natürlich, sagt Andreas Mehl, der Leiter des Architekturbüros. Dumendiak liest vom Mund ab: „Wenn man mit mir langsam und deutlich spricht und mich dabei anschaut, so verstehe ich sehr viel.“ Gebärdensprache beherrscht im Büro außer ihr niemand; einige einfachere Kombinationen hätten aber er und das Team mittlerweile gelernt, berichtet Mehl. Und zur Not könne man ja jederzeit schriftlich kommunizieren. „Mit drei Jahren bekam ich eine Hirnhautentzündung“, erzählt Dumendiak. Als Folge wurde ihr Gehör irreparabel geschädigt. Die 22-Jährige hat ein Innenohrimplantat für Gehörlose in der Hörschnecke, Cochlea genannt, das Schall in elektrische Impulse umwandelt; dadurch wird der Hörnerv stimuliert. So können Sprache und Töne wieder wahrgenommen werden. Allerdings sind die Hörempfindungen individuell und nicht mit denen von Normalhörenden zu vergleichen: Wie bei einer Fremdsprache müssen ungewohnte Höreindrücke und Sprachlaute erlernt und„übersetzt“ werden. Für Andreas Mehl ist es die erste Zusammenarbeit mit einer behinderten Auszubildenden: Tanja Dumendiak habe sich im September 2006 um einen Ausbildungsplatz als Bauzeichnerin beworben – und man habe es „einfach mal ausprobieren“ wollen. Schließlich sei für behinderte Menschen eine aktive Teilhabe am Arbeitsleben ganz besonders wichtig. Dumendiak: „Der Beruf Bauzeichnerin hat mich immer interessiert, ich habe schon einige Praktika gemacht.“ Auch „fachfremd“ hat sie hospitiert: In Jordanien hat Dumendiak bei „The Holy Land Institute for the Deaf“ mit tauben und blinden Kindern und Jugendlichen gearbeitet. Sie wohnt bei ihren Eltern in Kusterdingen. Die Eltern könnten keine Gebärdensprache, sie hätten Wert darauf gelegt, „ganz gewöhnlich“ mit ihr zu sprechen. Als Kind sei sie in einem Kindergarten und einer Schule für Hörgeschädigte in Nürtingen gewesen. Die Mittlere Reife hat Dumendiak in Winnenden gemacht: Drei Jahre war sie auf einer Berufsfachschule der Paulinenpflege, einer evangelischen Einrichtung der Jugend- und Behindertenhilfe, zugleich Träger eines Berufsbildungswerks für Gehörlose, Schwerhörige und Sprachbehinderte – mit integriertem Internat und Berufsschule. Dort werden die Azubis im Blockunterricht in kleinen Gruppen gezielt individuell gefördert. „Hier habe ich viel Gebärdensprache gelernt.“ In der Freizeit benutze sie dieses Kommunikationsmittel auch. Einen Teil des Aufgabenspektrums einer Bauzeichnerin könne Dumendiak natürlich nicht übernehmen, sagt Mehl, etwa telefonieren oder Besprechungen leiten; ihre Tätigkeit verlagere sich daher aufs Zeichnen. Dass sie vorwiegend Bildschirmarbeit macht, kommt Dumendiak als Hör- und Sprachgeschädigter entgegen. Nichtsdestotrotz sei ihre Tätigkeit sehr verantwortungsvoll, sie arbeite selbstständig an realen Projekten, betont Mehl. Und habe eine sehr gute Konzentrationsfähigkeit – besser als die meisten Hörenden. Tanja Dumendiak gefällt es in ihrem Ausbildungsbetrieb „richtig gut“. Und auch Andreas Mehl ist mehr als zufrieden: „Es klappt so gut, wir würden dieses Modell immer wieder fortsetzen.“ Er hält es für sehr wichtig, dass so viele Betriebe wie möglich behinderten Jugendlichen eine Ausbildung bieten. Man werde als Firma auch nicht alleine gelassen: Die Bundesagentur für Arbeit unterstütze die Betriebe nicht nur finanziell, sondern auch praktisch, etwa in Form von Gebärdendolmetschern oder Fortbildungen. Vor kurzem hat Tanja Dumendiak ihre Zwischenprüfung abgelegt – und überdurchschnittlich gut abgeschnitten. 2010 wird sie mit der dreijährigen Ausbildung fertig sein. Mehl würde sich freuen, wenn sie weiterhin sein Team verstärkte. Vielleicht zieht es sie aber auch in die USA: Dort lebt ihr Freund, der ebenfalls hör- und sprachbehindert ist. In den USA werde viel mehr Rücksicht auf Menschen mit Behinderung genommen. „Ich wünsche mir, dass auch in Deutschland im Fernsehen hundertprozentig untertitelt wird, damit alle Hörgeschädigten gut mitverstehen können“, sagt die 22-Jährige. [Bild und Text Quelle]






