27. September 2011 – “Ich habe mir oft gewünscht, nicht hören zu können”, erzählt der Komponist Helmut Oehring. “Ein Kind will doch nicht anders sein als seine Eltern.” Die Muttersprache des Berliners ist die Gebärdensprache.
Seine Eltern können weder hören noch sprechen. Bis zu seinem vierten Lebensjahr lebte er in einer stummen Welt, in der man sich mit Gesten und Blicken verständigte. Bis dahin war für ihn alles in Ordnung. Die Probleme begannen, als er merkte, dass er anders war als Mutter und Vater, als er sich in der Gesellschaft der Hörenden zurecht finden sollte.
Bis heute fühlt er sich keiner der beiden Welten wirklich zugehörig. Er denkt und träumt ganz selbstverständlich in der Gebärdensprache. Deutsch ist für den Berliner eine Fremdsprache geblieben. Die Sprache der Musik ist ihm näher als die Lautsprache. Die Unmöglichkeit, einander wirklich zu verstehen, die Kluft zwischen Hörenden und Gehörlosen setzt Helmut Oehring nun in seinen bemerkenswerten Kompositionen um. Mit 50 Jahren ist er ein vielfach ausgezeichneter, international erfolgreicher Komponist. Doch der Weg dahin war weit und unbequem. Davon handelt seine Autobiografie “Mit anderen Augen”.
“Ich wollte von Dingen berichten, die ich noch nie zuvor jemandem anvertraut habe”, sagt der Komponist. Tatsächlich gibt es in dem Buch viele drastische und alptraumhafte Szenen. In einem See muss er als Junge beinahe ertrinken, weil sein Zeitung lesender Vater seine Todesschreie nicht hören kann. Jeden Tag wird er von seinen Mitschülern geschlagen, bespuckt, angepinkelt, mit Messern und Spraydosen attackiert.
Helmut kauft Tiere in der Zoohandlung, benennt sie nach Mitschülern und quält sie bis aufs Blut. Er legt sich mit dem Luftgeweht aufs Dach und schießt auf alles, was sich bewegt. Später wird er heroinabhängig und obdachlos. Das alles weiß man nun, wenn man dem freundlich lächelnden Komponisten mit der Brille und der leisen Stimme gegenüber sitzt. Ist ihm das gar nicht unangenehm? “Nee”, antwortet er etwas zögerlich, “eigentlich ist das nicht anders, als wenn ich Musik schreibe. Da mache ich mich auch nackig. Es geht doch immer um die größtmögliche Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit.”
DIE WELT DER MUSIK ENTDECKT ER ALLEIN
Das Buch enthält aber auch ganz poetische Bilder, etwa vom Ball der Gehörlosen, den Oehring mit seinen Eltern besuchte. Auf der Bühne spielt eine Band, die außer ihm niemand hören kann. Davor tanzen die Taubstummen, völlig unabhängig von der Musik, jeder in seinem eigenen Rhythmus, egal ob die Band gerade spielt oder nicht. Für Helmut Oehring ist das nach wie vor ein Sinnbild für die Scheinnormalität, die Unvereinbarkeit der beiden Welten. Eine andere Szene beschreibt den jungen Helmut, wie er fassungslos zitternd und mit hochrotem Kopf dasitzt und zum ersten Mal Arnold Schönbergs “Pierrot lunaire” anhört – eine Offenbarung. Er war damals Baufacharbeiter. Auch als Hausmeister und Nachtwächter hat der Schlossersohn gearbeitet.
Die Welt der Musik entdeckte er ganz allein. Für die Eltern konnte sie keine Rolle spielen. “Die Gebärdensprache ist differenzierter und komplexer als die Lautsprache. Es gibt hunderte von Gebärden für sehen und fühlen, aber nur ein oder zwei für Musik”, erklärt er. Er konnte seinen Eltern nie begreiflich machen, womit er sich so intensiv beschäftigte. Anfangs wollte er das auch gar nicht.
“Ich wollte das Dazwischengefühl hinter mir lassen und meinen eigenen Platz in der Welt finden.” Nach Jimi Hendrix und Charlie Parker lernte er die Neue Musik lieben, ging in Konzerte mit Werken von Friedrich Goldmann und Georg Katzer, stahl eine Platte mit Bartóks Streichquartetten aus der Bibliothek und schrieb danach völlig begeistert selbst ein Streichquartett – seine erste Komposition.
Die Initialzündung zu seinen Werken ist immer etwas Konkretes – ein Bild von Goya, ein taubstummer Fußballer, eine Zeitungsnotiz. “Dann beginnt in meinem Innern ein Modellierungsprozess, der auf der Gebärdensprache beruht. Ich modelliere so lange, bis eine klare Gestalt herauskommt, eine Art Klangskulptur”, beschreibt er. Bevor er eine Note niederschreibt, hat er eine genaue Vorstellung davon, wie das Werk auszusehen hat.
Im Moment ist er viel unterwegs, um neue Werke vorzustellen, einen Meisterkurs in Bern zu geben oder in Köln sein Buch im Rundfunk und Fernsehen zu promoten. Dabei hat er eigentlich eine Reisephobie, sitzt am liebsten an seinem Schreibtisch und komponiert.
EIN WERK FÜR DIE STAATSOPER
“Kinder gehörloser Eltern sind immer Brückenkinder”, sagt Helmut Oehring. Wenn seine Eltern einkaufen, zum Arzt oder zu Elternversammlungen gingen, musste er übersetzen. Das Dolmetschen sieht er als seine Lebensaufgabe, auch in seinen Kompositionen. Die Gebärdensprache ist immer die Grundlage. Oft arbeitet er mit gehörlosen Solisten. Am Anfang saßen viele Gehörlose im Publikum. Aber “es hat sich herumgesprochen, dass es doch nicht geht. Die Gehörlosen bleiben abgeschnitten vom Wesentlichen.”
Der Komponist versteht sich als musikalischer Geschichtenerzähler. Viele große Projekte liegen auf seinem Schreibtisch. Im November spielt das Stuttgarter Kammerorchester die Uraufführung seiner “Vier Jahreszeiten frei nach Vivaldi”. Das Stück gehört in die Reihe der “Antwortmusiken”, die Oehring seit rund zehn Jahren schreibt. “Ich trete in Dialog mit Komponisten, die mir lieb und teuer sind. Ich erzähle Vivaldi, wie ich heute die Jahreszeiten sehe”, erklärt er. Er nimmt das Originalwerk als Matrize mit derselben Besetzung und Satzstruktur, füllt sie aber mit seinem eigenen musikalischen Vokabular. Ähnlich arbeitet er an zwei großen Opern für das Jahr 2013: “Vom fliegenden Holländer” für die Deutsche Oper am Rhein und “Mittsommernacht” mit Musik von Henry Purcell und Texten von Ingmar Bergmann für die Staatsoper Berlin. Das Auftragsbuch ist prall gefüllt. Helmut Oehring hat seinen Platz im Leben gefunden – jedenfalls im Musikleben. Geschrieben von Martina Helmig (Text Quelle)






