In Bad Kreuznach, in Rheinland-Pfalz, entsteht die erste europäische Universität für Gehörlose. Hier soll ganz normal gelehrt, geforscht und gelebt werden – nur eben in Gebärdensprache.
Hier soll die erste europäische Uni für Gehörlose stehen.
Noch ist es für gehörlose StudentInnen oft schwer, ein ganz normales Studium zu absolvieren. Nur wenige Universitäten im deutschsprachigen Raum bieten Kurse in Gebärdensprache an, aber keine einen gesamten Studiengang. Viele hörgeschädigte oder gehörlose Studierende fürchten gemeinsames Lernen oder Gruppenarbeiten, manche lassen sich gar nicht erst auf ein Studium an der Universität ein. In Bad Kreuznach, im deutschen Bundesland Rheinland-Pfalz, will ein ambitioniertes Projekt das ändern.
Gebärdensprache in Lehre – Forschung – Miteinander
Auf einem alten Militärgelände soll in drei Jahren die erste europäische Universität für Gehörlose ihren Betrieb aufnehmen. Unterrichtet wird ausschließlich in Gebärdensprache, grundsätzlich sind alle Studiengänge möglich. Neben dem normalen Studienbetrieb sollen in Bad Kreuznach Lehrer und Dozenten ausgebildet und Forschung auf internationalem universitärem Niveau betrieben werden. Zuerst muss die Europäische Gebärdesprach-Universität Kreuznach aber klein und privat anfangen: 300 Plätze plant der Verein vorerst. Am Ende des Ausbaus sollen hier allerdings bis zu 2000 Studierende Platz finden. Grundsätzlich möchte die Uni für Gehörlose beweisen, dass es möglich ist, sämtliche Studienzweige und Fakultäten auch in Gebärdensprache zu unterhalten und mehr Gehörlose ermutigen, akademische Berufe zu ergreifen.
Gebärdensprache muss selbstverständlicher werden
Es geht aber auch darum, Gebärdensprache im Alltag selbstverständlicher zu machen. In Deutschland wurde Gebärdensprache erst 2002 überhaupt als Sprache anerkannt, in Österreich 2005. Deshalb sind nicht nur gehörlose Studierende willkommen, sondern auch Hörende, die Gebärdensprache beherrschen. Ein Bachelor-Absolvent wäre dann zusätzlich mit Gebärdesprach-Qualifikation ausgestattet. Auch dem europäischen Gedanken will man gerecht werden: Nicht nur die deutsche Gebärdensprache soll unterrichtet werden, sondern auch die englische, die sich deutlich unterscheidet. Bis jetzt gibt es weltweit nur eine Universität für Gehörlose, die als Vorbild dienen kann: An der 1864 gegründeten Gallaudet University in Washington D.C. studieren rund 2000 gehörlose und schwerhörige StudentInnen in 40 Bachelor- und Masterstudiengängen. Pro Jahrgang werden auch rund 5 Prozent hörende Studierende aufgenommen. Für einen Master ist Gebärdensprache allerdings bereits Pflicht.
Problematisch: Finanzierung
Noch fehlt es der Gebärdesprach-Universität allerdings an Geld. Sowohl der Kauf des Geländes, als auch der Ausbau des Campus sollen mit privaten Mitteln finanziert werden. Deshalb sammelt die Gesellschaft der Europäischen Gebärdesprach-Universität Kreuznach e.V, ein gemeinnütziger Verein, an dem auch Stadt Bad Kreuznach beteiligt ist, momentan intensiv Spenden. 7 Millionen Euro kostet das Gelände – bei den 100 Millionen Euro errechnetem Jahresbedarf sollen dann aber der Bund und die EU helfen. Dennoch sind die Initiatoren zuversichtlich, dass der Betrieb in drei Jahren aufgenommen werden kann.
Österreich bleibt beim Modellversuch
In Österreich ist man von einer Gebärdesprach-Universität noch weit entfernt. Nach jahrelanger Planungsphase wurde im Juni an der TU Wien der Modellversuch „GESTU – gehörlos erfolgreich studieren“ vorgestellt. In Zukunft soll eine Beratungsstelle für gehörlose und schwerhörige Studierende eingerichtet werden, die Hilfe und Information im Studienalltag bietet. Für gezählte acht gehörlose StudentInnen gibt es zusätzliche Unterstützung: Dolmetscher, Tutoren und Mitschreibehilfen werden zur Verfügung gestellt. Vielleicht werden aber auch österreichische gehörlose Studierende in Zukunft in Bad Kreuznach eine universitäre Heimat finden.
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